Gespraech mit Nana
Sie zog ihre Schuhe aus, bevor sie den Pfad durch den Vorgarten zur Haustuere ging. Vorsichtig setzte sie Fuss vor Fuss, nicht etwa, weil sie den Weg nicht kannte, vielmehr wollte sie ueberpruefen, ob alles noch beim Alten war. Kein noch so kleiner neuer Stein, kein noch so feiner frischer Grashalm entging ihren Fusssohlen. Von drinnen her droehnte das Radio, sie konnte sich das hochrote Gesicht des Sprechers vorstellen, der sich ueber einen weiteren Politiker aufregte. Schnell verbannte sie das Bild, die Stimme aus ihrem Kopf: An diesem vergessenen Fleck der Erde musste der Rest der Welt draussen bleiben. Sie liess die Zeit weiterrennen und stand wie zum Trotz einfach nur da, die Augen fest geschlossen, die Arme ausgebreitet, die Fuesse auf dem Boden verankert. Es ueberkam sie ein Gefuehl von Einheit, Einheit mit der Erde, die sie trug, Einheit mit dem Wind, der ihren Koerper umspielte, Einheit mit der Hitze, die sich auf ihre Haut legte. Ploetzlich schreckte sie auf, sie hatte doch fast etwas vergessen, natuerlich, wie konnte sie nur. Sie nahm die Schuhe und die Tasche in die Hand und lief zum Briefkasten. Doch die kalte Leere, mit der selbiger auf ihr hoffnungsvolles Laecheln antwortete, haengte Tonnen an ihre Mundwinkel und liess diese unweigerlich sinken.
Dieses Bild ruehrte dann doch etwas im alten Herzen der Grossmutter, das schwer in ihrer Brust lag und schon zo schlafen schien. “Laechel, Kind. Er sagte mir, er mag dein Laecheln”, rauschte es aus ihrem Brustkorb Worte, deren Quelle eben jener fast vergessene Fleck ihres Koerpers zu sein schien, der seit Jahren zwar noch diese Waerme aussendete, schon lange aber keine Wellen purer Leidenschaft mehr. Die Haende tief in der Schuerze vergraben, die immerselbe Schuerze ordentlich um den Koerper gebunden, den Koerper von der Zeit gebeugt, stand die Grossmutter in der Haustuer.
“Er sagte, er wuerde mir schreiben, Briefe, hunderte von Briefen. Bisher weiss ich noch nicht einmal, ob meine ihn ueberhaupt jemals erreicht haben.”
“Gewiss haben sie das, du brauchst nur ein wenig Geduld.”
“Geduld brauchst du, Nana. Doch mein Herz kennt keine Geduld.”
Die Grossmutter laechelte still, sie wusste, das Maedchen dachte, niemand anderes koennte dieses Gefuehl nachvollziehen. Sie dachte, das sei etwas Neues, etwas Besonderes, doch das aelteste Spiel der Welt hatte ihr gerade ihre Karten zugeteilt, die erste Runde begann, und seien wir ehrlich, ihr Blatt war nicht besonders gut. Doch es war zu spaet. Fuer einen Moment ueberfiel die Grossmutter das Beduerfnis, dieses Kind auf ihren Schoss zu setzen und ihr die Regeln zu erklaeren. Aber sie wuerde es nicht tun, nein, das Maedchen war jetzt auf sich allein gestellt. “Komm’ ins Haus, das Mittagessen ist schon fertig.”
Doch das Maedchen kehrte ihr den Ruecken zu, das Gesicht zu den Bergen gewendet, als suche sie bei diesen alten Begleitern die Antworten. “Wo ist er wohl jetzt? Was tut er in diesem Moment? Was sehen seine Augen? Drei Monate sind es nun, Nana, drei Monate hast du ihn nicht gesehen. Denkt er manchmal noch an mich? Erinnert er sich?”
Und wieder ein Stechen in der Brust der Grossmutter, sie kannte dieses Gefuehl, sie kannte diese Worte, sie hatte sie schon den Bergen anvertraut, und diese huellten sich immernoch in eine dicke Decke aus Verschwiegenheit. Als also die Erinnerungen die erloschengeglaubte Flamme wieder entfachten, als das Loch sich wieder oeffnete, als das Meer ihrer Traenen sie erneut ueberflutete, da verlor sich das ewige Laecheln auf dem Gesicht der Grossmutter vergraben unter Falten des Vergangenen.
“Wir kannten uns doch gar nicht, nicht wahr? Es ist so bloedsinnig, was ich tue, lass das eine Laune von mir sein, bitte. Ich wage es kaum dieses Wort auszusprechen, aber ich liebe ihn doch nicht. Unsere Zeit war doch zu kurz.”
Da stand dieses Geschoepf, das weisse Kleid flatterte an dem kindlichen Koerper, der erste Formen anzunehmen begann, da stand es mit Traenen in den Augen, mit Hoffnungen und Traeumen im Kopf, die fuer immer genau das bleiben sollten: Illusionen. Da stand es mit blutendem Herzen und verlangte nach Einsicht. Nur, dass es diese niemals erreichen sollte, dass dieser Wahn noch andauern wuerde. Und auch die Grossmutter begann an der Weltordnung zu zweifeln, wenn selbst dieses feenhafte Wesen nicht vom Leiden der Erde verschont wurde. Wie gerne haette sie all die Schmerzen von ihr genommen.
“Ich habe keinen Platz in seinem Leben. Ich bin jung und naiv, mein Leben ist hier. Er ist gegangen, ich werde ihn niewieder sehen, niemals werde ich seine Lippen nochmal spueren, niemals wird meine Hand in der seinen liegen, niemals werden sich unsere Koerper einen. Er will es nicht und was bleibt mir uebrig als sich dem Sturm zu beugen.”
Die Grossmutter wusste, das Maedchen wollte jetzt losrennen und laufen soweit die Fuesse sie nur tragen wuerden; durch Waelder, ueber die Berge, hinter das Meer, hinaus in die Welt, direkt in seine Arme. Sie wollte dem Kind einen Schubs geben, ja, sie solle laufen, ja, sie solle es wagen auf diese Reise zu gehen mit so unbekanntem Ende. Die Grossmutter wusste naemlich, das Maedchen wuerde nicht gehen, es wuerde hier stehen bleiben, wartend. Sie hatte es auch getan.
“Zeit wird doch meine Wunden heilen, nicht wahr? Sie wird sie alle heilen. Es wird dauern, aber es wird enden.”
Das wuerde es nie.
“Ich muss es akzeptieren, er hat mich vergessen.”
Diesem Wesen wurde doch das groesste Verbrechen angetan, verklagen muesste man diesen Jungen. Ihr diese Verruecktheit in den Kopf zu setzen, sie dann wieder fallen zu lassen, sie zu verlassen, als sie am hilflosesten war, am ueberfordertsten, als sie ihn am meisten brauchte.
“Kind, sei vernuenftig. Lauf’ doch zum Brunnen, sehe ins Wasser, sehe in dein Gesicht und sag’ mir dann, kann man diesen Anblick jemals im Leben vergessen?”
Und das Maedchen rannte ueber den Hof, sie wusste nicht, was sie dazu trieb, aber sie blickte in den Brunnen, ja, das tat sie. Wenn er sie nicht wollte, vielleicht wuerde sie das kalte Blau dann wollen, verschlingen, wie er es immer wollte, niemals wieder hergeben, wie auch er es wollte. Vielleicht wuerde es seine Versprechen fuer ihn einloesen.
Der Loch erschien dunkel, das Spiegelbild der Sonne auf der Wasseroberflaeche blendete und das Maedchen musste sich konzentrieren, um etwas erkennen zu koenen. Sie fixierte ihren Blick so starr, bis das Linienchaos unterhalb von ihr anfing, Zuege anzunehmen, ihre Gesichtszuege, rundlich, kindlich, doch etwas war neu. Die feinen Linien auf ihrer Stirn, die tiefen Graeben unter ihren Augen, das kannte sie nicht. Und auch das tief schwarze Haar hatte an Form verloren, es war nahezu weiss, matt und umwehte ihr trauriges Gesicht.
“Man kann.”
Nana hielt diesen Anblick nicht mehr aus, ging und fragte sich, wann all die Zeit verflossen war.